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Im Blickpunkt
FOX
von Jean Dufaux und Jean-François Charles
Gesamtausgabe in einem Band

Anfang der 1950er Jahre stößt der Amerikaner Allan Fox in Frankreich auf ein altes Buch - ein gefährliches, ein "verfluchtes" Buch. Mit seiner Hilfe versucht der wegen seiner Verbrechen verbannte ägyptische Gott Seth wieder auf die Erde zurückzukehren.
Ein phantastischer Comicroman zwischen der Realität und der unergründlichen Welt der Götter.

Originaltitel und Verlag: "Fox", Glenat

 

Jean Dufaux, der Autor

Jean Dufaux, geboren am 7. Juni 1949 in Ninove (Belgien), studierte an der Brüsseler Filmschule, dem Institut des Arts et Diffusion, und war da-nach als Film-Journalist für "Ciné-Presse" tätig. Nebenher schrieb er Stücke für ein Kindertheater und Kurzgeschichten für diverse Publikationen. 1983 wandte er sich dem Schreiben von Comics zu. Nach einigen Szenarios für Renaud ("Jessica Blandy", "Die Kinder des Salamander") und andere Zeichner begann 1985 seine fruchtbare Zusammenarbeit mit Griffo. Nach dem Dreiteiler "Beatifica Blues" (1986-89 bei Dargaud) erschien 1988 im Verlag Glénat das erste Album der Serie "Giacomo C." (insgesamt 15 Bände bis 2005; dt. auch als Gesamtausgabe bei comicplus+). Mit Griffo als Zeichner entstanden weiterhin die Alben und Serien "Sade" (1991), "Samba Bugatti" (1992-97), "Monsieur Noir" (1994/95) und "L'oracle della luna" (2012/13). Anfang der 90er Jahre hatte sich Jean Dufaux bereits als einer der führenden Comicautoren im französischsprachigen Raum bewährt. Seither ist er für verschiedene Zeichner und Verlage tätig. Zu Dufaux' bekanntesten neueren Comics, die zumeist einer phantastischen, morbiden Thematik verpflichtet sind, gehören "Das verlorene Land" (Zeichner Grzegorz Rosinski), "Die Verfolger der Krone" (Martin Jamar), "Niklos Koda" (Olivier Grenson), "Rapaces" (Enrico Marini), "Dixie Road" (Hughes Labiano), "Murena" (Philippe Delaby), "Schattenspiele" (Lucien Rollin), "Djinn" (Ana Mirallès), "Conquistador" (Philippe Xavier) und "Saria" (Paolo Eleuteri Serpieri u. a.). Mit ihnen wurde der Autor über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt; sie aller liegen auch in deutscher Übersetzung vor. Dufaux ist ein Vielschreiber: die Wikipedia nennt allein 50 Serien aus seiner Feder. Bei comicplus+ liegt von ihm neben "Giacomo C." die Gesamtausgabe des Dreiteilers "Les révoltés" vor (dt. "Verzweifelt!"; Zeichnungen Marc Malès). Dufaux hat mit vielen bekannten Zeichnern und Zeichnerinnen der frankobelgischen Comicwelt zusammengearbeitet. Und auch die Klassiker bedienen sich seiner: Für die von diversen Künstlern und Autoren fortgeführte Serie "Blake und Mortimer" schrieb Jean Dufaux die Bände "Die Septimus-Welle" und "Der Ruf des Moloch".

Jean-François Charles, der Zeichner

Jean-François Charles wurde am 19. Oktober 1952 in Pont-à-Celles (Belgien) geboren. Er studierte an der Brüsseler Kunsthochschule und arbeitete gleichzeitig als Karikaturist, unter anderem für "La Libre Belgique" und "La Nouvelle Gazette. Ab 1975 konnte er Comics in der Zeitschrift "Spirou" veröffentlichen; 1980 lag sein erstes Album ("Le bal du rat mort", Szen. Jan Bucquoy) im Brüsseler Kleinverlag von Michel Deligne vor. Dort erschien zunächst auch "Les Pionniers du Nouveau Monde" (dt. "Die Pioniere der Neuen Welt"), bis Deligne an den französischen Verlag Glénat verkaufte, wo die Serie ab 1987 mit dem dritten Band weiterlief. Nach sechs Alben zog Charles sich von "Die Pioniere der Neuen Welt" zurück und übergab die Zeichnungen an Ersel (d. i. Erwin Sels). Das Szenario kam weiterhin von Charles und seiner Frau Marlyse. Mit Marlyse unternahm der Zeichner 1989 und Anfang der 90er Jahre mehrere Reisen nach Ägypten, was das Ehepaar zu der Idee einer neuen Serie inspirierte, die in diesem Ambiente spielte. Unzufrieden mit dem eigenen Szenario, übergaben die beiden die Aufgabe des Schreibens an den Kollegen Jean Dufaux, während Charles sich nun ganz auf die Zeichnungen der Serie konzentrierte. Mit vier Alben war der in Ägypten spielende erste Zyklus 1994 beendet; die drei Folgealben handelten in Schottland und in den USA. 2001 gewann Frank Giroud Jean-François Charles zur Mitarbeit an Band 3 seiner vielbeachteten Serie "Le Décalogue" (dt. "Zehn Gebote" bei comicplus+). Es folgten weitere Reisen, die zu zwei neuen Serien anregten, die das Ehepaar Charles gemeinsam gestaltete: "India Dreams" (2002-2016) und "Africa Dreams" (2010-2016; beide bei Casterman und deutsch bei Splitter). Mit diesem Werk festigten Jean-François und Marlyse Charles ihren internationalen Ruf. Ihre Kreativität und Arbeitsleitung ist erstaunlich. Von 2007 bis 2009 erschienen vier Alben von "War and Dreams", und - das Thema Ägypten ist nachhaltig - "Les mystères d'Oriris" (nur Szenario) und "Ella Mahé" (Szenario und Teil der Zeichnungen. Das neueste Werk der beiden Belgier ist die 1920 in China und Paris spielende Serie "China Li".

Das verfluchte Buch

Unter den Göttern des Alten Ägypten kommt dem "roten Gott" Seth eine Sonderstellung zu. Um den Thron des Osiris zu erobern, ermordete Seth seinen Bruder. Er zerstückelte die Leiche und verstreute die Teile im ganzen Land. Osiris' trauernde und verzweifelte Gattin Isis machte sich zusammen mit ihrer Schwester Nephtys auf die Suche nach den Überresten, um diese anschließend mit Hilfe von Magie wieder zusammenzufügen.

Anfang der 1950er Jahre stößt der Amerikaner Allan Fox in Frankreich auf ein altes Buch - ein gefährliches, ein "verfluchtes" Buch. Rasch wird er in eine Intrige unglaublichen Ausmaßes hineingezogen: Mithilfe des Buches und mit Fox' Unterstützung versucht der wegen seiner Verbrechen verbannte Gott Seth wieder auf die Erde zurückzukehren. Das Abenteuer führt Fox an die südliche Grenze Ägyptens, nach Philae, dem Sitz der Göttin Isis.

"Fox" ist ein phantastischer Comicroman. "Phantastik ist eine Art der künstlerischen Wirklichkeitsdarstellung, in der Realität und Irrealität, Rationales und Irrationales in irritierender Weise miteinander verbunden sind." Anders als wir es aus den Genre der Fantasy kennen, baut der Autor phantastischer Literatur nicht auf in sich geschlossene Welten, die ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen und in denen alles möglich ist, was der Definition dieser Welten entspricht. Ausgangspunkt ist vielmehr die Welt um uns herum, eine Welt, die wir zwar nicht durchschauen - sonst wären wir gottgleich - , auf die wir uns aber geeinigt haben, um unsere Existenz in geregelten Bahnen zu führen.

Bei Jean Dufaux ist Seth das absolute Böse, ein zerstörerischer Gott mit dem ausgesprochenen Willen, in den Ländern des Nils eine Terrorherrschaft zu installieren. Das kann ihm nur gelingen, wenn ein "eingeweihtes" menschliches Wesen entsprechende Passagen aus dem "verfluchten Buch" des Toth rezitiert. Jean-François Charles ("India Dreams") komtrastiert diese Gewaltphantasien mit großartigen zeichnerischen Darstellungen, die er und seine Frau Maryse Anfang der 90er Jahre auf mehreren Reisen nach Ägypten eingefangen haben. Der Leser wird alles genießen: eine ganz und gar "unglaubliche" Geschichte, handfestes Abenteuer, eingebettet in die exotische und wunderbar wiedergegebene Landschaft am Nil.

Auf der Suche nach Isis

Jean Dufaux verwendet in seine Geschichte verschiedene Formeln, die nicht in die "Realität" gehören. Das gibt dem Autor das Recht, ihre Bedeutung im Unklaren zu lassen. So ist es etwa mit den Zeilen, die Fox auf den Lippen hat, als man ihm zum erstenmal in dem belgischen Bergwerk begegnet, und die sich ebenfalls durch die gesamte Erzählung ziehen: "You see it's like a portmanteau. There are two meanings packed up into one word." Dies ist ein Zitat aus Lewis Carrolls "Through the Looking Glass" (1871; dt. "Alice hinter den Spiegeln"), dem zweiten Teil von "Alice in Wonderland", als das Fabelwesen Humpty Dumpty Alice die Bedeutung der unverständlichen Wörter in dem Gedicht "Jabberwocky" erklärt.

Ein Portmanteau-Wort ist ein aus mehreren Wörtern zusammengesetztes neues (wie Brunch oder Brexit), in dem sich zwei Begriffe nebeneinander ins Bewusstsein drängen, ohne dass einer von beiden rein zur Geltung kommt. Zu Carrolls Zeiten verstand man unter Portmanteau einen Koffer, der sich nach zwei Seiten aufklappen lässt. Eine andere deutsche Übersetzung von Portmanteau-Wort ist daher auch Kofferwort. Lewis Caroll greift den Begriff 1876 in "The Hunting of the Snark" auf. Snark selbst sei ein Portmanteau-Wort, zusammengesetzt aus Snail (Schnecke) und Shark (Hai). "This poem is to some extent connected with the lay of the Jabberwock" schreibt der Autor im Vorwort. "Humpty-Dumpty's theory, of two meanings packed into one word like a portmanteau, seems to me the right explanation for all." Die Jagdexpedition nach einem mysteriösen Wesen, das es möglicherweise nicht gibt, gilt als Nonsense-Ballade. "For the Snark was a Boojum, you see", schreibt Carroll. Das hinderte eine große Schar ehrenwerter Literaturhistoriker nicht, nach einer intendierten "Lösung", der Lösung eines Rätsels, zu suchen.

"Fox" ist kein Nonsense; der Comic gehört zum Genre des Phantastischen. Doch wenn Dufaux Humpty Dumptys "Erklärung" zitiert (immer wieder zitiert), so bringt er in seinen Comic ein Element ein, das nach einer Entschlüsselung verlangt - ohne dass diese Auflösung vielleicht möglich ist. Man kann in dieses Zitat etwas hineindeuten, es könnte aber auch völlig ohne Sinn sein.

Es gibt noch andere Aussprüche in "Fox", die sich nicht auflösen lassen. "Was vereint war, wird getrennt" (Bes), das auf Seth und Horus bezogene "Der Bruder tötet den Bruder" (Lord Calder), vor allem aber "Das, was man zu sehen glaubt, ist nicht immer das, was man sieht" (der Büßer). "Man sieht nur, was man weiss", wusste schon Goethe - das, was man zu sehen glaubt, entspricht den bisherigen Erfahrungen und Erwartungen. Um frei zu sein, wie der Eingeweihte in "Fox", darf man sich von den Erscheinungen nicht täuschen lassen. Nichts ist so, wie es scheint. Der "Spiegel der Wahrheit" liefert kein Spiegelbild nach menschlichem, sondern nach göttlichem Ermessen. Das "Passieren des Spiegels" erinnert gleichfalls an Carrolls "Alice", die durch den Spiegel hindurchgeht und sich daraufhin in einer anderen Welt befindet.

Das Skotom (medizinisch eigentlich ein "partieller Ausfall des Gesichtsfeldes") funktioniert doppelt: Einerseits sieht man etwas nicht, weil man es nicht sehen will - was man aber sehen will, das zeigt sich selbst dann, wenn es gar nicht vorhanden ist. Zehn Jahre nach "Fox" thematisierte der Autor Dan Brown dieses Phänomen in seinem Thriller "The Da Vinci Code".

 

Horst-Joachim Kalbe:
Fox - ein phantastischer Comicroman

 

Gerade ist die ohnehin überflüssige Neuverfilmung von Agatha Christies "Tod auf dem Nil" im Kino und auf DVD gefloppt - und das völlig zu Recht, so schlecht der Film in wirklich jeder Hinsicht ausgefallen ist -, da hält der Verlag comicplus+ ein Trostpflaster bereit für alle enttäuschten Kinobesucher (oder Käufer der DVD): die letzte Neuerscheinung in der inzwischen sehr umfangreichen Reihe der Gesamtausgaben, diesmal gewidmet dem Comic "Fox". Die vier Alben, die hier gesammelt vorliegen, sind in Frankreich schon in den Jahren 1991 bis 1994 erschienen und erfahren in Deutschland erst jetzt ihre verdiente Erstveröffentlichung.
Nostalgisches Ägypten - Abenteuer, Thriller oder eine esoterische Reise in phantastische Gefilde - man mag sich nicht so recht festlegen, denn die Geschichte enthält von allem etwas und vermag es, die unterschiedlichen Elemente zu einer faszinierenden Erzählung zu bündeln.

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