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Im Blickpunkt
ZEHN GEBOTE
von Frank Giroud (Szenario) und diversen Zeichnern
Gesamtausgabe in 5 Bänden

Während des Ägyptenfeldzugs macht ein Mitglied von Napoleons Expeditionskorps eine aufsehenerregende Entdeckung. Er stößt auf die zehn Gebote des Propheten Mohammed, geschrieben auf den Schulterknochen eines Kamels. Der Fund in der Wüste wird zur Grundlage eines zeitgenössischen Romans mit dem Titel "Nahik".

Frank Giroud schildert in seiner immer wieder verblüffenden Geschichte die verschlungenen Wege von Gottes Wort. Dem Titel entsprechend, war die Originalserie angelegt auf zehn Alben. Wir veröffentlichen sie hier in einer fünfbändigen Gesamtausgabe, einschließlich der Kurzgeschichten, die in Frankreich in dem Sonderband "Le XIme commandement" erschienen sind. Auf 1000 Exemplare limitierte mehrbändige Gesamtausgabe.

Originaltitel und Verlag: "Le Décalogue", Editions Glénat

 

Frank Giroud, der Autor

Mit "Le Décalogue", wie "Zehn Gebote"« im Original heißt, hat sich Frank Giroud in die vorderen Ränge seiner Zunft vorgearbeitet. Auch in Deutschland wurde er gewürdigt: Auf dem Erlanger Comic-Salon von 2002 erhielt Giroud den Max-und-Moritz-Preis als "Bester Autor".

Der am 3. Mai 1956 in Toulouse geborene Franzose, ein studierter Historiker, begann Ende der 70er Jahre Comics zu schreiben. Seine erste längere Serie war 1982 das politisch motivierte "Louis la Guigne" (Zeichnungen Paul Dethorey; dt. als "Louis Lerouge", nach 6 Bänden abgebrochen bei Ehapa). Weitere Titel folgten, von denen insbesondere die in der Zusammenarbeit mit dem Zeichner Lax entstandenen Alben überzeugen. "Les oubliés d'Annam" (1990/91) und "Azrayen" (1998/99) liegen bisher nicht auf deutsch vor, anders "La fille aux ibis" (1993), das als "Die Frau aus dem Delta" bei comicplus+ erschien. Arboris hat sich des Detektivcomics "Mandrill" (Zeichnungen Barly Baruti; in der Reihe "Mord und Totschlag") angenommen.

Um ein mysteriöses Bild aus dem Mittelalter, das Ereignisse darstellt, die zur Zeit seiner Entstehung noch gar nicht geschehen waren, geht es in "Der Triumph des Heiligen Waldemar" ("L'Expert"; mit Zeichnungen des Serben Brada). In dem fünfbändigen, auch wieder von verschiedenen Zeichnern umgesetzten Zyklus "Quintett" griff der Autor erneut das Thema des ineinander Verwobenseins individueller Schicksale auf. Eine andere, von dem Zeichner Béhé gezeichnete Serie, "Das Erbe" ("Le légataire") knüpft ebenso an "Zehn Gebote" an wie das von Lucien Rollin und anderen gezeichnete Familienepos "Les Fleury-Nadal". Zuletzt veröffentlicht wurde in Frankreich die 16 Alben umfassende Serie "Secrets".

Es wird schwer werden für Giroud, den Erfolg von "Zehn Gebote" zu wiederholen. Dieser zehnbändige Zyklus ist etwas Besonderes, ein Ausnahmecomic. Er wird die Zeit überdauern - und sicher nicht nur in einem Exemplar, wie "Nahik".

Zehn Gebote oder gar nichts

Anfangs sollte es nur ein Album werden, und als dessen Zeichner hatte Frank Giroud Fabien Lacaf alias Lax vorgesehen, mit dem er bereits zusammengearbeitet hatte. In diesem Album ging es um einen Roman ("Nahik"), um einen berühmten Autor (Vorbild Victor Hugo) und um dessen verrückten Bruder (Eugène, genau wie der Bruder Victor Hugos). Nachdem Giroud das Szenario geschrieben hatte, bedauerte er, nicht mehr aus dem Stoff gemacht zu haben.

Ich stellte mir vor, was im Anschluss an meine Erzählung hätte passieren können, und natürlich hatten all meine Figuren auch eine Vorgeschichte. Plötzlich war dann aus dem geplanten Einzelband etwas anderes geworden: das achte Album einer langen Saga. Nun musste ich nur darauf achten, dass die diesen Band umgebenden Geschichten mit der ersten korrespondierten. Ich war mir keineswegs sicher, ob ich die Qualität von "Nahik" Über zehn Bände durchhalten könnte. Ich habe dann über jedem der Szenarios mehrere Monate gesessen.

Eine harte Arbeit: Die Bände 9 und 10 schrieb Giroud zweimal, Band 7 sogar viermal, bis er mit dem Szenario zufrieden war. Den Text zu Band 1 hatte er zwei Kollegen zum Lesen gegeben, die ihre Anmerkungen dazu machten, und als er das fertige Skript dann dem Zeichner Joseph Béhé überließ, kam auch der noch mit Verbesserungen, die in das Ergebnis einflossen.

Bei den folgenden Alben war es nicht immer so. Ich merkte, das ein Zeichner wie Joseph, der auch selbst Autor ist, sich stärker in die Geschichte hineindenkt als andere, die sich auf die grafische Umsetzung konzentrieren und sich, was die Erzählung angeht, voll und ganz auf den Szenaristen verlassen.

Bevor Frank Giroud auf "Zehn Gebote" (im Französischen "Le Décalogue") kam, hatte er eine Schaffenskrise: Es langweilte ihn, zu irgendeiner Serie einen Band nach dem anderen zu schreiben. Bei "Zehn Gebote" lief der Prozess anders; dies war eine neue Art des Erzählens - nicht nur für Giroud, sondern für den Comic generell. Solch eine Innovation birgt auch Risiken.

Ich war nicht bereit, Kompromisse einzugehen. Als ich das Projekt dem Verleger Jacques Glénat vorstellte, war es ausgeschlossen, dass ich wie üblich mit einem Band begann und dann, wenn der erfolgreich sein sollte, weitermachte. Ich wollte zehn Bände oder gar nichts. So etwas gab es zuvor nicht. Außerdem hatte ich meine festen Vorstellungen über das Aussehen der Serie und die Wahl der Zeichner. Lauter Extravaganzen. Manch ein Verleger hätte so etwas von sich gewiesen, doch Glénat war von meinem Vorhaben begeistert und gab mir völlige Freiheit.

Es wurden zehn Bände, jeder vom anderen grundverschieden, und doch eine Geschichte aus einem Guss. Die zehn Alben von "Zehn Gebote" sind ein Gesamtkunstwerk, und so haben wir in der ersten Ausgabe bei comicplus+ darauf verzichtet, den in Frankreich erschienenen Zusatzband "Das elfte Gebot" mit in die Serie aufzunehmen. Dieses Album, in dem der auf so etwas spezialisierte Autor Luc Révillon Ergänzungen hinzufabulierte, die sich pseudohistorisch um Girouds Stoff ranken, erschien später auf deutsch im Verlag Finix.

In der aktuellen Gesamtausgabe haben wir aus diesem Buch die dort abgedruckten fünf Kurzgeschichten übernommen. Sie stammen von Frank Giroud und den Zeichnern der Hauptserie und geben kleine Begebenheiten am Rande des in "Zehn Gebote" Erzählten wieder. Das schien uns zulässig, obwohl wir sahen, dass das "reine" Konzept der Serie dadurch gebrochen wird. Wir wollten diese "Randbemerkungen" dem Leser nicht vorenthalten - wer möchte, kann sie beim Lesen des Ganzen ja auslassen und sich auf die zehn Kapitel des Hauptwerks konzentrieren. "Zehn Gebote" ist in seiner Art noch immer ohnegleichen, wenn auch Frank Giroud durch dieses Werk offenbar Gefallen daran gefunden hat, mit der Erzählstruktur des Comic zu spielen.

Zehn Gebote

Jedes Kapitel der Serie ist einem der von Frank Giroud formulierten zehn Gebote zugeordnet. Diese Gebote lauten im einzelnen:

1. Du sollst nicht töten
2. Höre in deinem Herzen die Stimme Gottes
3. Du sollst dir kein Bildnis machen
4. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden
5. Vergib deinen Feinden
6. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren
7. Sei aufrichtig gegenüber denen, die die lieben
8. Sei großherzig gegenüber den Schwachen, den Bedürftigen und den Armen im Geiste
9. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut
10. Verkünde Gott durch das gute Beispiel, nicht durch das Schwert

Kurzinterview
Ein synthetischer Dekalog

Wie haben Sie die zehn Gebote formuliert?

Es handelt sich um einen synthetischen Dekalog, der jüdische, christliche und islamische Vorstellung in sich vereint. Solch ein Vorgehen ist keinesfalls ungewöhnlich. Auch Mohammed hat des öfteren die Nähe dieser drei Religionen betont. Allerdings schwankte seine Position zwischen Toleranz und brutaler Unterdrückung. Es war mein humanistischer Zug, ihm eine allseits offene und universelle Absicht zu unterstellen.

Wie ist die Serie "Zehn Gebote" chronologisch aufgebaut?

Die Handlung verläuft rückwärts. Die ersten beiden Bände spielen in der heutigen Zeit, der letzte zu Zeiten Mohammeds. In jedem Album entdeckt der Leser ein neues Element über das Buch "Nahik", und doch kann jede Folge auch für sich gelesen werden. Indem ich die Geschichte rückwärts abrolle, stößt der Leser bei jedem neuen Album auf Indizien in den vorhergehenden Bänden.

Wonach haben Sie die Zeichner ausgewählt?

Da zwischen den Episoden kein unmittelbarer Zusammenhang besteht, war ein einheitlicher Zeichenstil für die Serie nicht unbedingt notwendig. Die Zeichnungen sollten realistisch und sie sollten modern sein. Ich habe meine Mitarbeiter auch danach ausgesucht, wie sehr ich selbst ihre Arbeiten schätze.
Ich bewundere Joseph Béhé, und ich wollte schon lange einmal mit Michel Faure zusammenarbeiten, ebenso mit Franz und Jean-François Charles. TBC und Giulio De Vita waren eine echte Entdeckung. Bruno Rocco ist mir von meinem Freund Makyo vorgeschlagen worden, und Rodolphe Soublin, der mich von seiten des Verlags her unterstützte, hat den Kontakt zu den anderen hergestellt.

Fasziniert Sie der Islam?

Nicht mehr als alle Religionen. Ich habe den Koran gelesen, die Evangelien, die Torah und auch buddhistische und hinduistische Texte, immer naürlich mit dem kritischen Blick des Agnostikers. Die Beschäftigung mit spirituellen Dingen scheint mir ein wesentlicher Zug des Menschen zu sein, heute vielleicht noch mehr als zu vergangenen Zeiten.

Die zehn Kapitel (in Klammern Zeichner und Jahr der Handlung):

  • 1: Der Killer von Glasgow (Joseph Béhé; heute)
  • 2: Eine Frage des Gewissens (Giulio De Vita; heute)
  • 3: Die Ikone in Tränen (Jean-François Charles; 1958)
  • 4: Bei Gott dem Allmächtigen (TBC; 1946)
  • 5: Verzweiflung und Skrupel (Bruno Rocco; 1922)
  • 6: Ein Kind reicher Leute (Alain Mounier; 1902)
  • 7: Tod den Verschwörern (Paul Gillon; 1824)
  • 8: Nahik (Lucien Rollin; 1814)
  • 9: Der Papyrus von Kom-Ombo (Michel Faure, 1798)
  • 10: Die letzte Sure (Franz; 632)

Die Gesamtausgabe bei comicplus+ umfasst jeweils zwei Kapitel (gleich zwei Originalalben) pro Band zuzätzlich der Kurzgeschichten aus "Le XIme commandement" und anderem Zusatzmaterial.

Bernd Hinrichs:
Im Zeichen der Zehn Gebote

 

Im September 2001 startete eines der außergewöhnlichsten europäischen Comicprojekte auch in Deutschland: "Zehn Gebote". Zehn Alben, zehn Zeichner, ein Autor und eine umfassende Handlung. Mit der Übernahme der in Frankreich überaus erfolgreichen Serie gingen die Verleger von comicplus+, Eckart Sackmann und Peter Hörndl, dennoch ein hohes Risiko ein, denn sowohl der Autor, Frank Giroud, als auch die meisten der zehn Zeichner waren bis dahin hierzulande völlig unbekannt...

Lesen Sie hier den ganzen Artikel von Bernd Hinrichs, erschienen in dem Magazin ZACK 07/2016.

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