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Im Blickpunkt
TRAMP
von Jean-Charles Kraehn (Szenario) und Patrick Jusseaume (Zeichnungen)
Gesamtausgabe in 5 Bänden

Rouen, November 1949. Der Reeder Julien de Trichère ist auf der Suche nach einem Frachtschiff, das nicht viel kostet. Er ist todkrank, er braucht dringend Geld. Und er braucht für seinen Seelenverkäufer einen Kapitän, der bei der Anmusterung keine Fragen stellt. Yann Calec ist dieser Mann. Er läuft dem Reeder prompt in die Falle.

Damit beginnt die abenteuerliche Geschichte des Kapitäns, sie auch eine Geschichte der Seefahrt der 50er Jahre ist. In Frankreich haben Autor und Zeichner bisher zehn Alben vorliegen, die wir in insgesamt fünf mit Zusatzmaterial angereicherten Bänden veröffentlichen. Auf 1000 Exemplare limitierte mehrbändige Gesamtausgabe.

Originaltitel und Verlag: "Tramp", Editions Dargaud

 

Jean-Charles Kraehn

Am 27. Juni 1955 wurde Jean-Charles Kraehn in St. Malo in der Bretagne geboren. Nach einem Szenario von Patrice Pellerin zeichnete er ab 1986 "Das Zeichen der Adler". Da Pellerin die Serie nach drei Alben aufgab, übernahm Kraehn auch das Schreiben der Geschichte. Als Szenarist konnte er wenige Jahre später mit dem von Patrick Jussaume gezeichneten "Tramp" brillieren (ab 1993), und auch der Krimi "Eine seltsame Entführung" (Zeichnungen Sylvain Vallée) stammt aus seiner Feder. 2001 trug Jean-Charles Kraehn zum Band 3 von "Das geheime Dreieck" bei. Nach einer Vorlage von Didier Convard zeichnete er im selben Jahr auch "Le ruistre" und 2006 den vierten Band von Frank Girouds Serie "Quintett". Für Dargaud schrieb Kraehn 2004 den Historiencomic "Myrkos" (Zeichnungen von Miguel). Der Bretone hat sich nicht nur als Zeichner und Szenarist einen Namen gemacht, er ist auch - zusammen mit Régis Loisel und Laurent Vicomte - der Mitbegründer des Comicfestivals von Perros-Guirec in der Bretagne.

Patrick Jusseaume

Jusseaume wurde am 28. Oktober 1951 in Abidjan an der Elfenbeinküste geboren. Erst im Alter von zehn Jahren kam der Junge nach Frankreich. 1971 zog Patrick Jusseaume nach Rouen, um sich an der dortigen Kunstschule einzuschreiben. Im Anschluss an das Studium arbeitete er als Zeichenlehrer, bevor er Mitte der 80er Jahre für die Zeitschrift Vécu seine ersten Comics zeichnen durfte. Nach einem Szenario von Daniel Bardet entstand hier ab 1985 die im 19. Jahrhundert spielende Serie "Chronique de la maison Le Quéant". Ab 1991 war Patrick Jusseaume der Zeichner der von Jean-Charles Kraehn geschriebenen Serie "Tramp", die von den Abenteuern eines Kapitäns in den 50er Jahren handelt und die allgemein großes Lob erfuhr. "Tramp" ist bisher Jusseaumes Hauptwerk geblieben. Für Didier Convards Serie "Das geheime Dreieck" trug er 2001 zu Band 4 des ersten Zyklus sowie 2009 zu Band 1 des Zyklus "Die Hüter des Blutes" bei.

Abenteuer Zeitgeschehen

1991 hatte der Zeichner Patrick Jusseaume gerade seine von Daniel Bardet geschriebene Serie "Chronique de la maison Le Quéant" beendet und war auf der Suche nach neuen Stoffen. Der befreundete Jean-Charles Kraehn schlug ihm vor, "Das Zeichen der Adler" fortzuführen. Nachdem Patrice Pellerin sich seiner eigenen Serie "Der Schrei des Falken" zugewandt hatte, fehlte dem Autor der Zeichner. Doch Jusseaume wollte nicht.

Ich lehnte ab, weil ich nicht einen Comic machen wollte, den ich nicht selbst von Anfang an mit gestaltet hatte. Ich wollte etwas Eigenes, und so fragte ich Jean-Charles, ob er nicht eine neue Serie für mich schreiben könnte. Ich war bei ihm in der Bretagne zu Besuch, wir badeten gerade unsere Kinder, das Bad schwamm vor Wasser. Da war die Idee plötzlich da: eine Geschichte mit Schiffen.

Jusseaume wohnte damals in Rouen, wo er an der Kunstschule studiert und später als Zeichenlehrer gearbeitet hatte. Über eine Zeitungsanzeige ("Szenarist sucht Zeichner"), auf die ihn ein Nachbar hingewiesen hatte, war er dann an Daniel Bardet und zum Comic gekommen, doch für beide Tätigkeiten, für die als Lehrer und die als Zeichner, reichte die Zeit nicht. 1985 fiel die Entscheidung: Jusseaume kündigte seinen sicheren Beruf als Lehrer; er wurde Comiczeichner.

Der Hafen von Rouen gab für eine Serie wie "Tramp" genug Atmosphäre her. Immer wieder versuchte der Zeichner, dieses Ambiente mit dem Fotoapparat einzufangen; andere Bilder lieferten Zeitungen und Geschichtsbücher. "Tramp" - der Titel deutet es an - handelt von der Schiffahrt der 50er Jahre, der Trampschiffahrt auf einem Stückgutfrachter. Ein Trampschiff fährt nicht auf festen Routen; sein Ziel richtet sich nach der angebotenen Fracht. Das gestattet dem Autor und Zeichner die freie Wahl des Ambientes. Jusseaume geht bei seiner Arbeit auf Reisen; er "entdeckt neue Länder", wie es sie heute, nach einem zeitlichen Abstand von mehr als einem halben Jahrhundert, gar nicht mehr gibt. Der Zeichner liebt Hafenstädte:

Ein Hafen ist eine Bruchstelle, ein Ort des Loslassens. Wenn man in einem Hafen an Bord eines Schiffes geht, lässt man etwas von sich zurück. Ein Hafen vermittelt dieses Gefühl weit eher als ein Bahnhof. Er ist ein Tor zur Außenwelt.

"Tramp" spielt in den 50er Jahren. Mit der "Belle Hélène" führt Kapitän Calec ein sogenanntes Liberty Ship. Dieser Typ wurde im Zweiten Weltkrieg in großen Stückzahlen gebaut, um die Versorgung der Truppen zu sichern, ein einfaches, aber robustes Schiff, das nach 1945 noch einige Zeit bei der Handelsmarine Verwendung fand, obwohl es sich hierbei im Grunde um Militärschiffe handelte. Der Zeichner verbindet mit der Serie "Tramp" auch eigene Erfahrungen, Erfahrungen aus Kindheit und Jugend.

Es war das Goldene Zeitalter der Handelsmarine. Damals gab es noch richtige Schiffsbesatzungen. Der Ablauf von Zeit war ein anderer; Entfernung und Einsamkeit spielten eine ganz andere Rolle als heute. Schiffsreisen dauerten lange. Da konnte es passieren, dass ein Seemann unterwegs Vater geworden war und dass er davon erst im nächsten Hafen erfuhr, wo ihn ein Brief erwartete.

Bevor ein Zeichner eine neue Serie beginnt, muss er das Ambiente seines Comics ausgiebig dokumentieren. Das gilt auch für die Findung der Hauptfiguren; es ist beinahe so wie bei der Besetzung einer Filmrolle. Der Typus muss passen. Während Kapitän Calec allein der Imagination Patrick Jusseaumes entsprang, gab es für andere Personen reale Vorbilder. So auch für den Reeder Julien de Trichère, nämlich den Fotografen Youssuf Karsh.

Wenn man einen Comic zeichnet, erzählt man eine Geschichte. Man zeichnet, um dem Leser diese Geschichte nahezubringen, nicht um zu beweisen, wie gut man zeichnen kann. Der Comic muss eingängig sein, er muss dazu einladen, dass der Leser sich in die Geschichte vertieft. Manchmal ist ein einzelnes Bild nicht schön, aber dafür ist es funktionell. Für mich ist ein Comic wie ein Film.

Bernd Hinrichs:
Tramp - die Gesamtausgabe

  

Im Februar 1996 fiel der Startschuss zu einer verlegerischen Odyssee für eine franko-belgische Perle am deutschen Comic-Himmel - der Carlsen Verlag begann die Abenteuerserie "Tramp" zu veröffentlichen. Die ursprünglich auf vier Bände angelegte Geschichte - im Mai 1996 folgte Band 2 und im Juni 1997 Band 3 - harrte lange auf ihren grandiosen Abschlussband im deutschsprachigen Raum. Band 4 wurde erst eineinhalb Jahre nach seiner französischen Veröffentlichung im August 2000 beim Phoenix Verlag herausgegeben, und das, obwohl der Abschlussband für das "Beste Szenario" in Angoulême nominiert war...

Lesen Sie hier den ganzen Artikel von Bernd Hinrichs, erschienen in dem Magazin ZACK 01/2015.

Oben eine Vorzeichnung zu Seite 9 in "Tramp" Band 1.

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